REISE IN DIE ALTE UND NEUE WELT

60. Hilfseinsatz in Angola beendet

Am 8. November war es wieder soweit, eine große Gruppe angolanischer Kinder, die zum Teil viele Monate in Deutschland und in deutschen Krankenhäusern medizinisch behandelt wurden, konnte die Heimreise antreten und nach Hause fliegen. Das Flugzeug, das diese Kinder in die Heimat und zurück zu ihren Eltern brachte, landete drei Tage später auf dem Düsseldorfer Flughafen. An Bord waren 70 kranke oder verletzte Kinder aus Angola, die von einem Team des Friedensdorfes begleitet wurden. Viele Kinder gingen direkt vom Flughafen in die Kliniken, die in der nächsten Zeit die stationären Behandlungen kostenlos übernehmen. Andere Kinder wurden zunächst für einige Tage ins Friedensdorf Oberhausen gebracht, wo sie von Mitarbeitern, Ärzten, vielen ehrenamtlichen Helfern und den anderen Kindern in Empfang genommen wurden. Diese Hilfsaktion ist die 60. von Friedensdorf International seit 1994 in Angola.

Eine solche Kurzbeschreibung der Fakten dient normalerweise als Information für die Medien. Sie gibt nicht einmal im Ansatz wieder, was sich alles hinter einer solchen Aktion verbirgt. Einen Hin-und Rückflug, eine Heimreise von geheilten und die Aufnahmen von neuen Kindern, die medizinisch behandelt werden müssen, zu organisieren, bedingt eine gewaltige Logistik und Organisation. Das Friedensdorf hat dabei nach 50 Jahren der – leider immer notwendiger werdenden – Arbeit eine Menge Erfahrung mit den Abläufen, die routiniert durchgeführt werden. Es sind die Geschichten hinter dem Ganzen, die menschlichen Begegnungen und das großartige Engagement vieler Frauen und Männer, die der Öffentlichkeit so schwer zu vermitteln sind.

Da kommt der renommierte Arzt Dr. Yukihisa Yagura aus Japan für wenige Tage ins Friedensdorf, muss dafür 26.000 Flugkilometer hinter sich bringen, einfach nur um zu helfen. Ähnliches gilt für die japanische Krankengymnastin Akane, die als Volontärin im Friedensdorf gearbeitet hat und noch eine ganze Zeit danach als reguläre Mitarbeiterin weitermachte, jetzt wieder in Japan lebt und sich eine Auszeit nimmt, um den Charterflug von und nach Angola mitzumachen. Da ist der Essener Gymnasiallehrer Boris, Ex Zivildienstleistender im Friedensdorf, der sich Urlaub nimmt, um auf dem Flug dabei zu sein, genau wie Melanie aus Lahnstein oder die Ärztin Meike.

Beeindruckend war der Bericht aus Angola vom Einsatzteam des Friedensdorfes, in dem sie ihre Eindrücke und Erlebnisse schildern:

„Weißt du, in Deutschland mir viele umsonst geholfen“, so beginnt Jamba, ein ehemaliger Patient des Friedensdorfes, seine Antwort auf unsere Frage, was er in Zukunft machen möchte. Arzt natürlich, so lautet sein Berufswunsch. Der heute 15jährige wurde wegen einer schweren Knochenentzündung eine lange Zeit in Deutschland behandelt und ist heute ein weitestgehend gesunder Jugendlicher zu Hause in Angola. Er kommt regelmäßig zu unserer Partnerorganisation Kimbo Liombembwa, um uns mit den neuen Kindern und auch den zurückgekehrten Kindern zu helfen. Drei Nachmittage lang haben wir ihn im Krankenhaus getroffen – dann wenn er nicht zur Schule gehen musste. Am Tag der Übergabe der Heimkehrer an ihre Familien sorgte er zusammen mit seinen zwei weiteren Freunden aus Luanda, die er im Friedensdorf kennenlernte, für einige Lacher. Die drei Jungs treffen sich noch regelmäßig und reden deutsch miteinander. Als Dankeschön gab es einen Brief an die Mitarbeiter des Friedensdorfes und zwei Rap Songs. Natürlich auf Deutsch und ein weiteres Lied, das sie zusammen mit vielen anderen Kindern im Friedensdorf gelernt haben. „We are the world, we are the children…“ geben die Drei zum Besten. Mit diesem Song haben sie bereits anlässlich des Neujahrempfangs des Oberhausener Oberbürgermeisters im Jahr 2015 die Veranstaltung bereichert. Besonders schön zu sehen, dass die Jungs es sich nicht nehmen lassen zu tanzen, trotz eingeschränkter Bewegungsmöglichkeiten ihrer behandelten Beine. „Vile vile Danke. Wia wärdän heuch ni vergesen“, so die besondere Art der Liebeserklärung an die Helfer in Deutschland. Stenio gibt zudem selbstbewusst hinzu, dass er drei Paar besonders schicke Schuherhöhungen hat. Dieses brauche er aber nicht, um Mädchen zu beeindrucken, denn er sei schön genug.

Diese besonderen Begegnungen bleiben uns sicher ebenso in Erinnerung, wie die tapferen neuen Kinder, die sich zum Teil selber ihre Verbände ganz offensichtlich unter Schmerzen abnehmen, wenn sie mit dem Verbandswechsel an der Reihe sind. Es ist faszinierend, mit welcher Geduld die Kinder stundenlang warten, bis sie an der Reihe sind. Scheinbar sind sie warten gewöhnt. Sie reagieren sofort auf Augenzwinkern oder weitere Versuche der Kontaktaufnahme unsererseits. Und wir bekommen in der Regel ein Lächeln, auch wenn kurz zuvor noch Tränen geflossen sind. Es ist beeindruckend zu sehen, mit welch einfachen Mitteln sich die Kinder beschäftigen. Eine leere Plastikflasche kann dabei genauso spannend sein wie die dazugehörigen verschiedenfarbigen Plastikverschlüsse. Domingos gab nicht gerne seine Gehhilfen ab, als wir die Maschine dann endlich am Abend bestiegen. Auf Nachfragen haben wir auch verstanden warum: der Vater hat die Gehhilfen selber aus Metall hergestellt und sie erfüllen absolut ihren Zweck. Um diese optisch zu verschönern, hat er sie zusätzlich weiß gestrichen. Als Zeichen der Anerkennung und um in Deutschland diesen besonderen Liebesbeweis veranschaulichen zu können, haben wir die Gehhilfen tatsächlich mitgenommen.

Luanda hat sich verändert in den letzten 2 Jahren. Der Verfall des Ölpreises hat das Land, das hauptsächlich vom Ölexport abhängig ist, hart getroffen. Grundlebensmittel müssen importiert werden und viele Dinge des alltäglichen Bedarfs sind subventioniert. Das merken auch wir. Nicht nur anhand der Preise, die mit 7 USD pro Liter Saft unglaublich hoch sind, viele Familien schaffen es aufgrund des Geldmangels nicht, die notwendigen Unterlagen für den Passerhalt zu organisieren. Oft scheitern sie schon an der Reise in die Provinzhauptstadt. Auf Luandas Straßen sieht man nur noch wenig Weiße, die Flugzeuge, die bis vor Kurzem noch en mass Passagiere aus Europa, China und Amerika brachten, sind halbleer. Auch sieht man immer mehr Bettler, Menschen, die im Müll nach verwertbaren suchen oder regelrecht im Dreck leben. Wie üblich trifft es die ärmsten der Armen besonders hart. Und gerade deshalb sind Begegnungen mit ehemaligen Friedensdorf Schützlingen, die ihre zweite Chance ganz offensichtlich nutzen, so besonders schön.“

Es sind aber nicht nur die Helfer, die den Flug begleiten, auf die das Friedensdorf bauen kann. Der Düsseldorfer Flughafen hilft unbürokratisch und verzichtet auf Gebühren, die STOAG (Stadtwerke Oberhausen) stellt kostenlos Transportbusse und engagierte Fahrer, die DRK Rettungssanitäter aus Solingen, Ubstadt, Borken, Sindorf und die vom BRK Miltenberg und Ansbach fahren die Kinder vom Flughafen Düsseldorf in die vorgesehenen Kliniken. Im Friedensdorf selber sind viele Helfer bei der Ankunft der neuen Kinder verlässlich und immer wieder dabei.

Ohne all diese Menschen wäre eine solche Aktion nicht möglich. Eine Hilfsaktion, die die einen Kinder zurück in ihre alte Welt und Heimat führt, zurück in die Wärme und die die anderen Kinder in eine neue, fremde und klimatisch deutlich kältere Welt transferiert, die ihnen aber in den nächsten Monaten etwas zurückgeben will, was sie dringend benötigen. Ihre Gesundheit.

Wer dem Friedensdorf bei dieser Arbeit helfen will, kann das mit einer Spende tun. Das Friedensdorf lebt ausschließlich von privaten Zuwendungen und der Bereitschaft der Krankenhäuser in Deutschland und Österreich, diese Kinder kostenlos stationär zu behandeln.

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