FRIEDENSDORF BEWEGT UND VERÄNDERT!

Kabul, 02.08.2016

Hallo Deutschland,

wir haben den Eindruck, dass sich die Situation für die Menschen in Afghanistan in den letzten Monaten nochmals verschlechtert hat. Es sind schlimme Schicksäle, von denen wir hören: Familien, die von gefährlichen Reisen durch die Provinzen berichten, Mütter die bereits 7 Kinder verloren haben.

Genauso haben wir hier in Kabul aber auch schöne Erlebnisse und Begegnungen. Nicht nur wenn wir als „Friedensdorf-Roter-Halbmond Team“ Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach erfolgter Behandlung von Kindern in Deutschland schenken können. Besonders berührend und bestätigend sind die Begegnungen mit ehemaligen Friedensdorf-Kindern, die heute bereits häufig eigene Familienväter- oder mütter sind. Es ist schön zu sehen, wie viele ehemalige Friedensdorf-Schützlinge hier in Afghanistan ihre 2. Chance auf eine bessere Zukunft nutzen. Dies wird zudem durch ihre Erfahrungen in Deutschland ergänzt, dass man trotz körperlicher Einschränkung anderen helfen kann oder dass ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Nationalitäten und Religionen möglich ist.

So haben wir einen jungen Mann wiedergetroffen, der nach einer Kriegsverletzung im Jahr 1998 in Deutschland medizinisch behandelt wurde. Trotz eines Luftröhrenschnitts und Tracheostomas und einer Beinamputation ernährt er heute seine mittlerweile 3köpfige Familie als Schneider. Er hat seine humorvolle und lebensfrohe Art nicht verloren und zeigt uns, dass er in der Lage ist, die Herausforderungen des Lebens zu meistern.

Ebenso hat uns ein mittlerweile 16jähriges Mädchen beeindruckt, die nach Verbrennungsverletzungen mehrfach in Deutschland an den Händen operiert werden musste. Die damals kaum einsetzbaren Hände kann sie heute in fast allen Lebensbereichen benutzen. Heute geht sie in die 9. Klasse, spricht ein fast perfektes Englisch und beweist uns ihre Fähigkeit endlich schreiben zu können mit einer sicheren Handschrift auf Englisch. Sie möchte in Zukunft Ärztin werden, um anderen Menschen zu helfen – so wie sie Hilfe durch das Friedensdorf erfahren konnte.

Es können noch viele Beispiele dieser Begegnungen beschrieben werden. Sie beweisen uns, dass sich die Hilfe des Friedensdorfes lohnt – auch wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein mag. Es ist für uns allen eine Bereicherung, mit der vielfältigen und treuen Unterstützung aus Deutschland für  weitere Kinder zu versuchen, dem Schicksal eine positive Wendung zu geben: so wie heute zum Beispiel einem 7jährigen Mädchen aus den Bergen im Westen Afghanistans. Der Vater, der im Krieg selber beide Beine verloren hat, musste sich Geld leihen, um mit seiner schwer verletzten Tochter die Tagesreise bis in die Provinzhauptstadt zu schaffen und um sich dort in ein Flugzeug bis Kabul zu stemmen. Die Rückreise mit dem Bus soll 6 Tage dauern! Die Rückmeldung unserer Partner, dass diese Mühe für seine Tochter gesehen und mit anerkennender Bewunderung registriert wird, und seine Tochter aufgrund der schwierigen Knochenentzündung nach Deutschland fliegen wird, rührte den stolzen Vater sogar vor uns Ausländern zu Tränen.

Vielleicht gerade angesichts dieser Begegnungen und der Möglichkeit für uns, die afghanische Realität für viele arme und bescheidene Familien zumindest zu erahnen, schockiert uns und unsere Partner der Beitrag unserer Kollegen vom 01.08.2016 auf Facebook.

Natürlich können und wollen wir die Herausforderungen in Deutschland, Europa und in der Welt nicht ignorieren. Aber gerade hier in Kabul werden uns die verschiedenen Realitäten und Verhältnismäßigkeiten besonders vor Augen geführt. Vermehrte Meinungsäußerungen auf Veranstaltungen des Friedensdorfes in Deutschland, die dafür appellieren, doch eher was für deutsche Kinder zu tun, machen uns wütend, traurig und fassungslos.

Ein Ignorieren der Realität in vielen Ländern, ein Pauschalverurteilen von scheinbar „anderen“ und ein vorurteilsbehaftetes Denken wird die Welt weder in Deutschland, noch in Europa und auch nicht außerhalb Europas Grenzen verändern und gewiss nicht verbessern. Wir müssen uns die Frage stellen, in welcher Welt wir in Zukunft leben möchten und was jeder einzelne bereit und in der Lage ist dafür zu tun.

Wir möchten behaupten, dass wir hier wahrlich keinen Terroristen begegnen, sondern verzweifelten Familien, die nur das erhoffen, was sich jeder Mensch überall auf der Welt wünscht: eine gesunde und sichere Zukunftsperspektive, die weder von Hunger, Schmerzen, Angst und Verzweiflung dominiert ist, sondern in der zumindest die Basisgrundbedürfnisse und Menschenrechte gesichert sind. Das haben wir hier in Afghanistan – gerade im Vergleich zu den Lebensbedingungen in Deutschland – noch lange nicht erreicht und hierfür sollten wir unsere Energie, unsere Mittel, Möglichkeiten und Gedanken investieren.

Gewiss sind die ausländischen Truppen nicht Verursacher der zunehmend schlechter werdenden Sicherheitslage in diesem Land. Aber gerade angesichts vermehrter ausländerskeptischer Stimmen in Deutschland sollten wir nicht vergessen, dass auch die westliche Politik in den letzten Jahrzehnten nicht dazu beigetragen hat, eine friedlichere Welt zu schaffen oder gar Fluchtursachen von vorneherein zu verhindern. Die Abermilliarden Dollar für Militärausgaben haben hier in diesem Land sicherlich nicht zu besseren Strukturen geführt. Immer schon spricht sich das Friedensdorf für ein Umdenken aus, dass Frieden nicht mit Kriegen geschaffen werden kann. Nur eine Verbesserung der sozialen Infrastruktur birgt die Chance, auch möglichen Terrorismus dem Boden zu entziehen und eine bessere, friedlichere Welt zu schaffen und somit den aktuellen Entwicklungen entgegen zu wirken.

Grüße aus Kabul

Euer Einsatzteam

2 Antworten

  1. Birgit Seubert
    | Antworten

    Vielen Dank, dass ihr euch trotz eurer anstrengenden Arbeit vor Ort immer noch Zeit nehmt für in die Tiefe gehende Berichte und sie immer auch in den dazugehörenden Gesamtzusammenhang stellt!
    „Es geht um den Umbau der Welt zur Heimat, ein Ort, der allen in der Kindheit scheint, und worin noch niemand war.“

  2. Marlies Simon
    | Antworten

    Meinen Respekt u. meine Achtung für euch u. eure schwere Aufgabe. Angesichts Anfeindung u. Kritik fehlen mir die Worte!
    Ich spreche mit Robert Gernhardt:
    Da gibt es die, die schlagen / Da gibt es die, die rennen / Da gibt es die, die zündeln / Da gibt es die , die brennen /
    Da gibt es die, die wegsehen / Da gibt es die, die hinsehen / Da gibt es die, die mahnen : Wer hinsieht, muß auch hingehn /
    Da gibt es die, die wissen / Da gibt es die, die fragen / Da gibt es die, die warnen: Wer fragt, wird selbst geschlagen /
    Da gibt es die, die reden / Da gibt es die, die schweigen / Da gibt es die, die handeln : Was wir sind, wird sich zeigen.

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